“Über den Sinnen” wird ein fotografischer Essay, der eine Spurensuche derjenigen Weltanschauung ist, die mich meist beiläufig und unterbewusst in meiner Schulzeit auf einer Waldorfschule geprägt hat. Die der Schulform zu Grunde liegende Anthroposophie ist eine esoterische Weltanschauung, die in den 1920er Jahren gegründet wurde. Ihr Begründer Rudolf Steiner – der nach eigenen Angaben bereits im Kindesalter übersinnliche, hellsichtige Erfahrungen machte – mischte sich mit seinen Ideen in so ziemlich alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens des industrialisierten frühen 20. Jahrhunderts ein. Er gab die ersten Impulse für das, was wir heute als ökologische Landwirtschaft bezeichnen, erfand eine eigene – umstrittene – Alternativmedizin, schaffte die Philosophie für viele sozial-ökologisch ausgerichtete Unternehmen und prägte die bekannte Waldorfpädagogik. Die Praxis seiner Ideen ist geprägt durch ein menschenzentriertes Handeln – freie Entfaltung und das Handeln im Einklang mit der Natur stehen im Mittelpunkt. So richtig zusammenfassen, was Anthroposophie ist, fällt mitunter schwer. Die Bewegung sieht sich nicht als Religion, sondern viel mehr als eine ganz persönliche Einsicht, die Zugang zu übersinnlichen Erfahrungen birgt. Mit meinem begonnenen fotografischen Essay frage ich mich: Was ist das für eine Idee, die mir damals unterbewusst in der Schulzeit mitgegeben wurde? Was reizt die Menschen daran, sich in einem solchen Kosmos aufzuhalten? Nicht zuletzt möchte ich meine Beziehung zur Anthroposophie über den Weg der Fotografie ergründen. Was resoniert bis heute in mir, womit hadere ich?
Auf dem Weg meiner spirituellen suche treffe ich Menschen, die mit der Anthroposophie Antworten auf ihre großen Lebensfragen gefunden haben. Menschen, die ein moderates, offenes Verständnis der Philosophie leben. Ich dokumentiere, wie anthroposophische Unternehmen versuchen, den Kapitalismus zu “bändigen” und doch mitspielen müssen. Und ich befrage schwarze Menschen, wie sie auf die auch teilweise rassistischen Äußerungen Steiners schauen. Auf der Suche nach dem, was die Anthroposophie ausmacht, begegne ich esoterischen Ritualen, einem „Weltverbesserer“-Idealismus und einer Offenheit für künstlerischen Ausdruck – und so Manchem, der als wissenschaftlich fundiert geltende Konzepte in Frage stellt.
“Über den Sinnen” fragt: Wieviel künstlerischen und spirituellen Freigeist, wieviel Irrationalität verträgt eigentlich unsere Gesellschaft, wenn Idealismus in Teilen in eine Anfälligkeit für Verschwörungsmythen übergehen kann? Und gleichzeitig: Was kann eine kapitalistische, leistungsorientierte Gesellschaft einer Idee wie der der Anthroposophie heute abgewinnen.
Begonnene Langzeitarbeit, ausgezeichnet auf der Shortlist des Nikon Fotobus Grant, Fertigstellung 2027 geplant